Sarah Wagenknecht und ihr kreativer Sozialismus

Jetzt ist es auf dem Markt, das neue Buch von Sarah Wagenknecht. Titel: „Freiheit statt Kapitalismus“ (angelehnt an den legendären CDU-Slogan „Freiheit statt Sozialismus“ aus dem Jahre 1976). In dem 365 Seiten starken Buch plädiert sie für einen „kreativen Sozialismus“. Das Buch gliedert sich in drei Themenbereiche: Zuerst ein Rundumschlag gegen den herrschenden Kapitalismus, dann schildert sie ihr Konzept eines „kreativen Sozialismus“, zum Schluss folgt der Appell „Wohlstand für alle“. Wen das an Ludwig Erhard erinnert, der irrt nicht.

Erhard wird lobend erwähnt, weil er die soziale Marktwirtschaft wollte und nicht ein knallharter Kapitalist war. Denn auf die Kapitalisten hat Sarah Wagenknecht es abgesehen. Schon zu Beginn des Buches zitiert sie eine aktuelle Umfrage laut der 88 Prozent der Bundesbürger eine „neue Wirtschaftsordnung“ forderten, fast die Hälfte unterstützten den Satz „Der Kapitalismus richtet die Welt zugrunde.“ Das ist Wasser auf die Mühlen der allseits bekannten Linkspolitikerin. Sie geriert sich somit schon zu Beginn des Buches als Stimme des Volkes.

Wer jetzt aber ein Buch voller billiger Polemik erwartet, der liegt falsch. Das Buch ist teilweise eine ordentliche Zusammenfassung der gegenwärtigen Wirtschaftslage, natürlich mit linkem Touch, aber durchaus solide. Wenn sie die Gier der Banken geißelt, dann liegt sie ja schon fast im Mainstream. Sie kritisiert, dass in der gegenwärtigen Marktwirtschaft die ökonomische Machtzusammenballung regiert. Die Marktmechanismen seien außer Kraft gesetzt, die EU mäste die Großkonzerne. Wagenknecht nimmt die klassischen Ordo-Liberalen wie Eucken und Müller-Armack vor dem Vorwurf in Schutz, sie wären Schuld an der herrschenden Wirtschaftsordnung. Fazit von Sarah Wagenknecht: „Ludwig Erhards Versprechen lautete: Wohlstand für alle. Nur ein kreativer Sozialismus wird dieses Versprechen jemals einlösen können.“

Im Kapitel „Kreativer Sozialismus: Einfach.Produktiv.Gerecht.“ verrät sie ihr Kochrezept für eine bessere Wirtschaftsordnung. Man sollte es insgesamt mit den Schulden nicht allzu genau nehmen, zudem läge es an den ganzen Entlastungen für Banken und Konzerne, dass der Staat immer klammer wird. Sie kritisiert, dass im Rahmen der Bankenrettung private Schulden in die öffentliche Hand übergingen. Wagenknecht fordert stattdessen die Streichung der Altschulden der EU-Staaten. Die großen Finanzkonzerne sollten verstaatlicht werden, darüber hinaus müsse eine einmalige Vermögensabgabe auf sehr große Vermögen eingeführt werden. Die Großbanken sollten alle verstaatlicht und vom Druck hoher Renditeansprüche befreit werden. Sparkassen und Genossenschaftsbanken seien angeblich schon auf dem richtigen Weg. Nicht nur da scheint Wagenknecht einiges auszublenden.

Überhaupt soll der Staat einen stark lenkenden Einfluss auf die Wirtschaft nehmen. Zuerst müssten neben den Banken weitere Schlüsselindustrien verstaatlicht werden und dann könne man alles zum allgemeinen Wohl steuern. Sie bezieht sich dabei positiv auf die Vorgehensweise in Frankreich nach 1945, in dem mittels Verstaatlichungen und einer inzwischen legendären Planungsbehörde das Land modernisiert wurde.

In Deutschland klingt das ziemlich abseitig. Sarah Wagenknecht führt aber zu Recht an, dass ein staatliches Unternehmen nicht unbedingt bürokratisch geführt werden muss, sondern auch effizient nach Managementmethoden geleitet werden kann. Verstaatlichung muss auch nicht heißen, dass alles mit einer mediokren Politsoße zugedeckt wird. Tatsächlich belegt Frankreich, dass es auch anders geht.

freiheit_statt_kapitalismus_cover

Insgesamt ein lesenswertes Buch von Sarah Wagenknecht. Natürlich parteilich, mit etlichen Schwächen und Redundanzen, aber auf eine erträgliche Weise. In weiten Abschnitten handelt es sich um eine durchaus passable Zusammenfassung der Diskussion und das Kapitel über Frankreich lohnt besonders in Deutschland einer Lektüre. In der Privatisierung von allem und jedem liegt nicht das Heil. Umdenken ist angesagt. Wagenknecht liefert dafür eine Anregung. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Die Bezeichnung „kreativer Sozialismus“ für ihre Ideen ist allerdings reichlich übertrieben. Aber in der Politik wird ja immer gern dick aufgetragen.

Das Buch ist im Eichborn Verlag erschienen. Für 19,95 € ist es im Buchhandel erhältlich.

Diese Buchbesprechung ist zuerst erschienen in „The Intelligence“

http://theintelligence.de/index.php/feuilleton-/buch-rezensionen/115-sachbuch/2687-sarah-wagenknecht-und-ihr-kreativer-sozialismus.html

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